14.09.2017 03:30 | Matthias Pieren

Raus aus der Minijob-Falle: Jede dritte Beschäftigung im Taunus ist ein Nebenberuf

Hochtaunus So gut, wie der Name klingt, entwickeln sich die sogenannten Minijobs nicht immer. Für die einen sind die geringfügigen Beschäftigungsverhältnisse auf 450-Euro-Basis ein willkommener und oft dringend notwendiger Nebenverdienst, für andere hingegen ist es der Weg in eine berufliche Sackgasse. Die Arbeitsagentur entdeckt in Minijobbern aber auch eine „stille Reserve“.

Monika Oerder (rechts ) aus Königstein gehört für die Agentur für Arbeit zur großen Gruppe der „stillen Reserve“ auf dem Arbeitsmarkt. Wiedereinstiegsberaterin Miriam Schenk (links) sieht für Frauen um 50 gute Chancen, nach der Familienpause wieder erwerbstätig zu werden.
Monika Oerder (rechts ) aus Königstein gehört für die Agentur für Arbeit zur großen Gruppe der „stillen Reserve“ auf dem Arbeitsmarkt. Wiedereinstiegsberaterin Miriam Schenk (links) sieht für Frauen um 50 gute Chancen, nach der Familienpause wieder erwerbstätig zu werden. Bild: Pieren

An der Kasse im Supermarkt sitzt eine Mitfünfzigerin und gibt einer älteren Dame Wechselgeld zurück. „Schönen Tag noch!“ So, oder so ähnlich enden viele Einkäufe irgendwo im Hochtaunuskreis – jeden Tag tausendfach. Und mit sehr großer Wahrscheinlichkeit sitzen Menschen an der Kasse, die ihre Tätigkeit als geringfügige Beschäftigung auf 450-Euro-Basis ausüben: die Minijobber.

Nach Angaben der Agentur für Arbeit Bad Homburg waren im vergangenen Jahr im Agenturbezirk – dazu gehören neben dem Hochtaunuskreis auch der Main-Taunus-Kreis und der Landkreis Groß-Gerau – insgesamt 53 595 Personen unter 65 Jahren in geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen gemeldet. „Gegenüber 2015 entspricht das erneut einem Plus von 1,4 Prozent“, teilt dazu Berit Grautmann von der Arbeitsagentur mit. „In den vergangenen zehn Jahren sind 11,8 Prozent mehr geringfügige Beschäftigungsverhältnisse eingegangen worden.“

Eine Analyse der Zahlen zeigt eine bedenkliche Tendenz. Während Minijobs für ältere Schüler oder Studenten ein willkommener abgabefreier Nebenverdienst sind, kommt ein anderer Personenkreis ohne diese zusätzliche Beschäftigung finanziell nicht mehr über die Runden. Steigende Lebenshaltungskosten zwingen zu einem oder gleich mehreren Nebenjobs. Das von Grautmann genannte Plus ist nämlich vor allem auf eine starke Zunahme der im Nebenjob geringfügig Beschäftigten zurückzuführen.

Eine Entwicklung, die von Gewerkschaften als „Schieflage am Arbeitsmarkt im Hochtaunuskreis“ gebrandmarkt wird. „Der Arbeitsmarkt ist immer mehr durch unsichere Jobs geprägt“, teilt dazu Bezirkschef Karl-Otto Waas von der IG Bau mit. „Rund 36 300 Menschen im Hochtaunuskreis arbeiten in Teilzeit, Leiharbeit oder haben einen Minijob als alleiniges Einkommen.“ Damit sei der Anteil der sogenannten atypischen Beschäftigung im Hochtaunuskreis an allen Arbeitsverhältnissen 2016 auf einen Rekordwert von 35 Prozent gestiegen. Die Gewerkschaft beruft sich hierbei auf eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung, die die Entwicklung am Arbeitsmarkt im Hochtaunuskreis seit dem Jahr 2003 untersucht hat. Damals lag die Quote atypischer Jobs noch bei 29 Prozent.

„Gerade für Frauen ist es nach einer Familienpause schwer, wieder voll in den Beruf einzusteigen. Gegen die Teilzeit-Falle brauchen wir endlich ein verbrieftes Rückkehrrecht in Vollzeit“, sagt Karl-Otto Waas. Dabei geht es auch darum Ressourcen zu heben, die in dieser Personengruppe schlummere. Nicht umsonst werde dieser Personenkreis von der Agentur für Arbeit „als stille Reserve“ beworben und beraten.

Auch die Arbeitsagentur sieht die Risiken der Minijobs und versucht gegenzusteuern. Denn Minijobs sind sozialabgabenfrei und die geleistete Arbeitszeit wird beim Rentenanspruch nicht berücksichtigt. „Für diejenigen, die von ihrem Lohn leben müssen, muss die Absicherung durch ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis im Vordergrund stehen“, sagt daher Grautmann.

Laut einer Studie Familienministeriums schaffen nur 14 Prozent aller Frauen nach ihren Minijobs wieder den Schritt in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung.

„Viele fühlen sich als ,Aushilfe‘ oder ,Arbeitnehmerinnen zweiter Klasse‘ und werden bei Personalentwicklungsmaßnahmen der Arbeitgeber selten berücksichtigt“, sagt Grautmann. „Minijobs bieten geringfügig Beschäftigten langfristig keine berufliche Perspektive. Zugleich liegen hier ungenutzte Potenziale zur Deckung des Fachkräftebedarfs brach.“

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