12.09.2017 03:30 |

Musiktheater: Der biblische David verführt raffiniert die Massen

Es ist atemberaubend zu erleben, wie der vermeintliche Heilsbringer David in der Mainzer Inszenierung anfangs Theaterbauten einreißt, später König Saul vom Thron stößt und schließlich selbst despotisch regiert.

Jonathan (Steven Ebel, links) und Saul (Derrick Ballard) faszinieren in der prachtvollen Mainzer Händel-Inszenierung.
Jonathan (Steven Ebel, links) und Saul (Derrick Ballard) faszinieren in der prachtvollen Mainzer Händel-Inszenierung.

Die Überraschung hält sich in Grenzen: Bereits als Machtmensch David aus der Schlacht heimkehrt und ein Bad in der lüsternen Menge nimmt, schwant einem nichts Gutes. Dass er die ihn liebende Michal sexuell vernichtet, ihren Bruder Jonathan seelisch missbraucht, den Despoten Saul im Vorbeigehen entthront und am Ende über Kinderleichen geht, erscheint nur folgerichtig. Im Schlussbild sitzt er selbst als Herrscher von heute auf dem entrückten Thron, freilich in modernen Business-Klamotten und schwarzer Sonnenbrille, und muss sich nun seinerseits vor dem Putsch des nächsten Volkserlösers fürchten. Die psychologisch bestechende Weise, mit der Lydia Steier aus dem statisch angelegten Kirchenoratorium „Saul“ von Händel einen aufwühlenden Opernkrimi gemacht hat, ist unwiderstehlich.

Kein Schöngeist

Der biblische David ist bei ihr kein schöngeistiger Musicus, sondern ein raffinierter Verführer der Massen, während Saul als absolutistischer Herrscher die Entstehungszeit des Werkes einbezieht.

Sinnlos herumstehende Rampensänger, die aktuell bei David Böschs „Trovatore“ an der Oper Frankfurt bestaunt werden können, gibt es in den Regie-Arbeiten von Lydia Steier nicht. Die Amerikanerin bemüht sich vielmehr, den Vor- und Nachnamen jedes einzelnen Chormitglieds bei der Probe zu kennen, weil sie von der szenischen Bedeutung jeder einzelnen handelnden Person überzeugt ist. Das aufregende Ergebnis dieser sorgfältigen Herangehensweise ist durchgehend zu bewundern. Lydia Steiers Sicht auf Händels „Saul“ packt den Zuschauer von der ersten Minute an und steigert sich von Szene zu Szene.

Was genau ist zu sehen? Anfangs thront der stimmstarke Bassbariton Derrick Ballard als Sonnenkönig Saul mit langer Puder-Perücke über einer prachtvoll-papierenen Barock-Szene. Als seien sie Roman Polanskis „Tanz der Vampire“ entsprungen, huldigt der bereits leicht ramponierte Hofstaat seinem übermächtigen Herrscher. Als der junge schöne David auf einem Papp-Pferd hereingezogen wird, beginnen die nach Frischfleisch gierenden Höflinge, sich ihm und seinem militärischen Erfolg zuzuwenden, ebenso wie die beiden Kinder Sauls. Sowohl der hier homoerotisch angelegte Jonathan (darstellerisch und tenoral eine Wucht: Steven Ebel) und seine sensible Schwester Michal, feinnervig gesungen und packend gespielt von Dorin Rahardja, folgen der Faszination der Massen. Dass seine Zeit vorbei ist, kann der bestürzte Saul anfangs an der lustvollen Entkleidung seines Hofstaats erkennen. Perücken fliegen weit, Korsetts werden entschnürt, Röcke abgestreift und schließlich die gesamten Papiersäulen der Theaterkulissen weggetragen.

Fast ein wenig bedauernd bleibt der Zuschauer zurück, wenn die effektvolle Bühne Katharina Schlipfs und die detailversessenen Kostüme Ursula Kudrnas dem Massenwahn zum Opfer fallen. Einzig Sauls Tochter Merab, präzise in der Höhe gesungen von Marie-Christine Haase, behält ihre Kleider an sowie ihren Standesdünkel bei.

Barockspezialist Andreas Spering dirigiert im Orchestergraben einen schwungvollen, historisch informierten Händel, dessen Glockenspiel-Effekte in der Carillon-Sinfonie den neidischen, bereits angeschlagenen Saul vollends in den Wahnsinn treiben. Große Auftritte haben die drei allegorischen Figuren des Neides, Alexander Spemanns skurrile Hexe von Endor und ein überragender Georg Lickleder als riesenhaft verzottelter Samuel.

Sexuelle Demütigung

Einzig der rumänische Altus Alin Deleanu, der als David eine schillernde Bühnenpräsenz entfaltet, kämpft hörbar mit den hohen Tücken der Partie, während Chor und Extrachor sowie alle Kinderdarsteller mit präzisen Einsätzen und in jeder Minute eindrücklichem Spiel bewegen.

Da Lydia Steier die qualvollen Szenen der sexuellen Demütigung und Ermordung des homosexuellen Jonathan ausspielen lässt, mischten sich auch Buhrufer in den Schlussjubel.

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