13.09.2017 03:30 |

Positives Denken: Interview mit Therapeut Günter Scheich: „Auch negative Gefühle sind wichtig“

Die Aufforderung, alles positiv zu sehen, kann viel Druck erzeugen und die Bewältigung negativer Ereignisse sogar erschweren. Das ist die Überzeugung des Psychotherapeuten Günter Scheich. Im Gespräch mit Redakteurin Pia Rolfs erklärt der 61-Jährige, wie wichtig es ist, anderen auch negative Gefühle mitzuteilen und warum es unmöglich ist, nicht zu bewerten und nur zu beobachten.

Schreien ist nicht immer angebracht. Aber jeder sollte sich seiner negativen Gefühle bewusstwerden, so Psychotherapeut Günter Scheich. Und manchmal muss man den Mitmenschen diese auch zeigen, um seine Interessen durchzusetzen.
Schreien ist nicht immer angebracht. Aber jeder sollte sich seiner negativen Gefühle bewusstwerden, so Psychotherapeut Günter Scheich. Und manchmal muss man den Mitmenschen diese auch zeigen, um seine Interessen durchzusetzen. Bild: (169172052)

Sie sind einer der wenigen, der das positive Denken für gefährlich hält. Warum?

GÜNTER SCHEICH: Ich habe nichts gegen gesunden Optimismus, der auf Fähigkeiten und der richtigen Einschätzung der eigenen Rahmenbedingungen beruht. Die Leute aber, die das in Seminaren oder Büchern verbreiten, propagieren in der Regel eher ein zwanghaft aufgesetztes positives Denken. Der Trend war mal aus guten Gründen mal etwas abgeebbt, kommt jetzt aber wieder auf. Wenn man glaubt, mit dem Aufsetzen einer rosaroten Brille könne man alles erreichen, ist das nur Schmalspurpsychologie, die über kurz oder lang zum Scheitern verurteilt ist. Dabei können die Konsequenzen auch erst später eintreten, so dass derjenige dann gar nicht mehr weiß, was die wirklichen Ursachen waren. Auch negative Gedanken und Empfindungen sind sehr wichtig für die Lebensorientierung. Und nur weil ein Mensch zwanghaft positiv denkt, wird seine Lage nicht positiver.

Wozu kann das führen?

SCHEICH: Wenn jemand die rosarote Brille aufsetzt, endet das oft auch in Lügen, in Realitätsverweigerung. Wozu das führen kann, hat man ja zum Beispiel in der Finanzkrise gesehen – und das ist noch lange nicht vorbei.

Fördert die ständig positive Selbstdarstellung in den sozialen Medien das zwanghaft positive Denken?

SCHEICH: Ja, natürlich. Da haben wir auf der einen Seite eine sehr überhöhte, ausgefeilte positive Selbstdarstellung bis hin zur vollkommenen Überzeichnung. Und die unterdrückten Gefühle von Wut und Hass, die Lebensfrustrationen und unschönen Tatsachen werden dann auf der anderen Seite anonym im Internet verbreitet, bis hin zu Rufmord und extremen Ausfälligkeiten.

Wird durch die Verpflichtung, positiv zu denken, die Verantwortung zu sehr auf den Einzelnen geschoben? Nach dem Motto: Wenn etwas nicht klappt, ist er nur nicht positiv genug herangegangen?

SCHEICH: Ja, der Einzelne gerät durch die Idealisierung des positiven Denkens sehr unter Druck, zumal er ja damit angeblich nahezu alles erreichen kann. Er gerät in Stress, weil er das nicht erfüllen kann. Er darf ja zudem seine negativen Gefühle nicht mehr zulassen. Wenn er diese aber ständig verdrängt, baut sich ein riesiges Frustrationspotential auf, da psychische Verarbeitungsprozesse für den enttäuschenden Soll-Ist-Vergleich außer Kraft gesetzt wurden. Das kann in Depressionen und Ängsten enden.

Es ist also gesünder, auf negative Ereignisse mit negativen Emotionen zu reagieren?

SCHEICH: Das ist eigentlich ganz selbstverständlich, psychohygienisch sehr wichtig und hilft bei der Verarbeitung. Schicksalsschläge und Todesfälle zum Beispiel kommen auf jeden Menschen zu und wenn man noch so positiv denkt. Trauer und Wut sind dann ein Weg, damit fertigzuwerden. Grübeln und Alpträume dienen ebenfalls diesem Zweck der Verarbeitung und Reparatur der Psyche.

Es gibt auch, etwa im Yoga, den Rat, nicht mehr zu bewerten, sondern nur noch zu beobachten. Ist das realistisch?

SCHEICH: Die Frage ist, ob das durchgängig sinnvoll wäre. Der Mensch ist ja kein neutraler Beobachter seines Lebens, sondern mittendrin. Da muss er immer wieder auch teilweise schnelle Entscheidungen treffen, sonst werden sie für ihn getroffen, oder es passiert Schlimmes. Aber es ist auch gar nicht möglich, nicht zu bewerten. Jeder hat aufgrund seiner persönlichen Geschichte unbewusste psychische Verarbeitungsmuster in sich. Damit beurteilt er, was er wahrnimmt.

Wie soll man denn jetzt mit negativen Gefühlen umgehen: ausleben, kontrolliert rauslassen oder wegatmen?

SCHEICH: Man sollte sich erst einmal zugestehen, dass man sie hat – das macht ja der positive Denker gerade nicht. Wie man mit den negativen Gefühlen umgeht, hängt dann von der Situation ab. Man kann natürlich nicht überall weinen oder aggressiv werden. Aber indem man negative Gefühle anderen mitteilt, kann man etwa andere Menschen nicht selten dazu bringen, mit dem Verhalten aufzuhören beziehungsweise Empathie zu zeigen. Das ist wichtig, um seine eigenen Interessen zu vertreten.

Und was halten Sie von Zweckpessimismus – bei dem man immer das Schlimmste erwartet, um sich dann positiv überraschen zu lassen?

SCHEICH: Das kann in vielen Fällen sehr gut sein. Denn viele Menschen sind deswegen frustriert oder gar depressiv, weil sie zu hohe Erwartungen an ihr Leben haben. Das kann einem Zweckpessimisten nicht passieren.

Gibt es doch Situationen, in denen positives Denken nach Ihrer Ansicht nützlich ist?

SCHEICH: Ich würde in diesen Fällen nicht von positivem Denken, sondern von produktivem Denken sprechen. Es kann zum Beispiel helfen, wenn man sich produktiv selbst instruiert: „Ich versuche jetzt das Beste“. Oder: „Ich versuche durchzuhalten.“ Aber das gilt natürlich nur, wenn das Durchhalten in dieser Situation sinnvoll ist und nicht sogar schadet.

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