12.09.2017 03:30 | Christian Heimrich

Eintracht Frankfurt: Kevin-Prince Boateng: Böser Junge, guter Junge

Frankfurt Kevin-Prince Boateng ist der spektakulärste Eintracht-Transfer der vergangenen Jahre. Bislang hat sich das Risiko gelohnt.

Hand drauf: Eintracht-Trainer Niko Kovac (links) und Kevin-Prince Boateng haben seit gemeinsamen Berliner Zeiten einen engen Draht. Bilder >
Hand drauf: Eintracht-Trainer Niko Kovac (links) und Kevin-Prince Boateng haben seit gemeinsamen Berliner Zeiten einen engen Draht. Bild: Jan Huebner (Jan Huebner)

Es gibt keine verlässlichen Zeugenaussagen darüber, wie lange und laut seit Samstagabend das Schenkel- und Schulterklopfen unter den sportlich Verantwortlichen bei der Frankfurter Eintracht war. Am gestrigen trainingsfreien Montag jedenfalls dürfte die gute Laune noch angehalten haben. Und das dank Kevin-Prince Boateng, des spektakulärsten Transfers der vergangenen Jahre.

Sportvorstand Fredi Bobic, Sportdirektor Bruno Hübner und Trainer Niko Kovac sind ziemlich hoch ins Risiko gegangen, als sie den 30 Jahre alten Boateng Ende August bei nahendem Transferschluss auf den letzten Drücker nach Frankfurt holten. Nicht finanziell – der Halbbruder des deutschen Nationalspielers Jerome kam aufgrund einer für die Eintracht glücklichen Vertragsklausel ablösefrei von UD Las Palmas auf Gran Canaria. Aber viele im Umfeld des Clubs fragten sich: Kann so einer Eintracht Frankfurt? Zur Erinnerung: Das letzte, was man mit Kevin-Prince Boateng in Deutschland erlebte, war sein Rausschmiss bei Schalke 04 im Jahr 2015, mitten in der Saison.

„Echte Persönlichkeit“

Diese Anfangsskepsis ist seit dem Sieg am Samstag bei Borussia Mönchengladbach einer gelinden Begeisterung gewichen. Auch ohne Kapitänsbinde sei Boateng ein Führungsspieler, lobte Kovac seinen Torschützen: „Das haben wir gebraucht, und das haben wir bekommen.“ Einen Jungen mit „Emotionen, Gefühlen und Empathie“, eine „echte Persönlichkeit“ eben.

Beim Trainer dürfte die Erleichterung am stärksten sein. Er, der Ur-Berliner, hatte sich für die Verpflichtung Boatengs, seines ehemaligen Mannschaftskameraden bei der Hertha, besonders stark gemacht. „Der Kevin ist ein Spieler, der immer gewinnen möchte. Egal, ob es ein Trainingsspiel, ein Testspiel oder ein Pflichtspiel ist“, sagt Kovac. An dieser Einstellung habe es der Eintracht gemangelt, hatten Beobachter während des Absturzes in der vergangenen Rückrunde kritisiert. Eine charakterstarke, willige, integre und spielintelligente junge Truppe – aber trotz vieler Gelber Karten ohne den Spritzer Gemeinheit, den ein Team in der Bundesliga braucht, wenn es nach oben will. Der Drecksack-Faktor, wie er unter der Hand gerne genannt und ins Spiel gebracht wird.

Einen großen Namen, der sich auch mal die Hände schmutzig macht, wollten sie bei der Eintracht. Mit Kevin- Prince Boateng haben sie nun einen, der das Anforderungsprofil voll und ganz erfüllt. Der Deutsch-Ghanaer kam mit dem Image des „bad boy“, des bösen Jungen, im Gepäck nach Frankfurt. Er ist einer, der polarisiert und sich wohlfühlt in dieser Rolle. Er liebt die Show, steht gerne im Mittelpunkt und kokettiert mit seiner Berliner Kiez-Vergangenheit: „Da wo ich herkomme, wird man entweder Gangster, Drogenhändler oder Fußballer“, heißt es in seiner Biografie.

Boateng durchlebte während seiner Zeit bei Tottenham Hotspur Alkohol-, Fast-Food- und Autokauf-Exzesse. Und er machte sich viele Deutsche zum Feind, als er im Frühjahr 2010 ihren „Capitano“ Michael Ballack, damals beim FC Chelsea, so schwer verletzte, dass der nicht zur WM konnte.

Aber es gibt auch den anderen Boateng, den „good boy“, den guten Jungen. Der beim AC Mailand sein Trikot auszog und vom Platz ging, um gegen rassistische Beleidigungen dunkelhäutiger Mitspieler zu protestieren. Der vor dem Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen über das Thema Rassismus und Sport diskutierte. Am Samstag hat er nach seinem Tor an das Schicksal des schwer hirngeschädigten Amsterdamer Profis Abdelhak Nouri erinnert. Und es gibt den Kevin-Prince Boateng, den es trotz aller Weltläufigkeit immer wieder zurück nach Deutschland zieht – wegen der Nähe zu seinen beiden Kindern, die in Mailand und der Umgebung von Düsseldorf leben.

Kann so einer Eintracht Frankfurt? Wenn es sportlich weiter stimmt, wird die Frage bald beantwortet sein. „Dafür, dass wir 480 Sprachen in der Kabine haben, läuft es schon ganz gut“, hat Boateng in Mönchengladbach lachend gesagt. Nach bösem Jungen klingt das nicht.

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